Vienna School of Interdisciplinary Dentistry

Education in Occlusion Medicine

Okklusion

Bruxismus als Stressbewältigung des Kauorgans

Prof. Dr. Rudolf Slavicek (Wien); Prof. Sadao Sato, DDS (Kanagawa/Japan)

 

 

Der nachfolgende Artikel wurde 2004 in der Wiener Medizinischen Wochenschrift veröffentlicht und ist hier als Download verfügbar.

Wien Med Wochenschr (2004) 154/23–24: 584–589

(c) Springer Verlag 2004

 

Zusammenfassung:

Bruxismus wird im Allgemeinen als das parafunktionelle Pressen und Knirschen zwischen der oberen und unteren Zahnreihe definiert. Während dieser Tätigkeit werden extrem starke Kräfte

über unterschiedlich lange Zeiträume ausgeübt, wobei die Kräfte jene des funktionellen Kauens bei weitem übersteigen. Diese biomechanische Belastung verursacht zahlreiche zahnärztliche Probleme wie Abfraktion, Überempfindlichkeit, parodontale Verschiebung und Funktionsstörungen des Muskelapparates und der Kiefergelenke.

Psychischer Stress und emotionale Spannungen werden bereits seit längerer Zeit im Zusammenhang mit dem Bruxismus beschrieben. Es wurde auch gezeigt, dass das aggressive Beißen mit einer signifikanten Reduktion des Stress induzierten Anstieges des Noradrenalinumsatzes im Gehirn, des DOPAC-Gehaltes im Striatum und der Verhinderung von Magendarmgeschwüren bei experimentellen Tieren einhergeht. Das Konzept der Stressbewältigung basiert auf dem psychischen Hintergrund des Bruxismus und den Vorteilen, die der Kaumuskelaktivität bei der Reduktion Stressbezogener Erscheinungsbilder wie Magendarmgeschwüren und Cardio-vaskulären Problemen zugeschrieben werden. Das Pressen und Knirschen des Kauorgans dient dabei als Notausgang während Zeiten der psychischen Überlastung. Daher trägt die Okklusion des Kauorgans in signifikantem Ausmaß zur individuellen Fähigkeit der Stressbewältigung bei. Bruxismus mit einer tauglichen Bezahnung kann als wertvolle Systemprophylaxe für sämtliche so genannten Stresserkrankungen dienen.

Einleitung

Praktizierende Zahnärzte sind vor allem bemüht, drei wichtige Probleme des Kauorgans zu behandeln: Zahnkaries, Erkrankungen des Zahnhalteapparates und Malokklusion. Zahnkaries ist ein Zustand, den die meisten Menschen mit der Zahnheilkunde in Zusammenhang bringen,obwohl  das Vorhandensein dieser Erkrankung in den letzten Jahren allmählich gesunken ist. Krankheiten des Zahnhalteapparates werden in erster Linie durch den Parodontologen mit der klinischen Unterstützung von MundhygienikerInnen behandelt. Zahnärzte und Kieferorthopäden behandeln Malokklusionen. Andere Probleme, wie Ursachen oder Folgezustände sogenannter Funktionsstörungen in der Okklusion oder anderen Strukturen des Kauorgans sind zunächst nicht primäres Zielzahnärztlichen Interesses.

Verschiedene Arten von destruktiven okklusalen Erkrankungen wie primäres und sekundäres okklusales Trauma, Funktionsstörungen des Kiefergelenkes, Abfraktionen, Zahnkompressionssyndrome sowie Zahnmigrationssyndrome werden seit langem beschrieben. Alle diese Zustände hängen mit der biomechanischen Belastung, die durch starke Kaumuskelaktivität erzeugt wird, zusammen. Zahnärzte stehen vor der Aufgabe, ihr Wissen hinsichtlich der pragmatischen Aspekte der Okklusion, die intensiver biomechanischer Belastung ausgesetzt wird, zu vertiefen , denn in der klinischen Praxis werden sie mit diesen Problemen immer häufiger konfrontiert.

Bruxismus,Zahnschäden unSchäden des Halteapparates

Im Allgemeinen wird der Bruxismus als parafunktionelle Tätigkeit bei Tag oder bei Nacht definiert, zu der das Pressen und Knirschen derZähnegehören[1].

Während des parafunktionellen Bruxismus können über längere Zeiträume intermittierend außerordentlich große Kräfteausgeübt werden, wobei die gesamte Zeitspanne in Summe weit über den etwa 20-minütigen Zahnkontakt pro Tag beim Essen hinausgehen.

Einerseits werden die Zähne, die knöchernen Strukturen und der parodontale Stützapparat extrem belastet, aber auch die Kiefergelenke sind unter bestimmten Vor aussetzungen betroffen.

Nahezu allefunktionellen Probleme des Kauorgans hängen eng mit den Auswirkungen von parafunktionellem Bruxismus auf die Kiefergelenk zusammen. Ein umfassendes Wissen über die  Physiologie und Pathophysiologie des Bruxismus ist daher von außerordentlicher Wichtigkeit in der klinischen zahnärztlichen Praxis.

Ist der Bruxismus eine abnorme Funktion?

Pressen  und Knirschen  ist für den zahnärztlich  Tätigen zumeist  unerwünscht  und  erscheint  ihm  systemgefährdend.  Pressen und Knirschen ist daher auch immer wieder Thema des interdisziplinären  Dialogs zur Ursachenfindung, Unterbindung  und damit auch Gegenstand kontinuierlicher  Nachuntersuchungen.   Bei  der  Suche  nach den Ursachen ist das Pro und Kontra der Bedeutung der Okklusion  für die Parafunktion  ein Dauerbrenner  sogenannter  wissenschaftlicher  Diskussion,  deren Emotionalität oft die Objektivität vermissen lässt.Es  gibt  zwei  Arten  von  Bruxismus:  den  primären nächtlichen  Bruxismus  und den sekundären  nächtlichen Bruxismus  [2]. Die Mehrheit  der Personen  mit nächtlichem  Bruxismus  hat  keine  begleitenden  medizinischen oder psychiatrischen  Erkrankungen.  Dieser Zustand wird als primärer  nächtlicher  Bruxismus  bezeichnet.  Der sekundäre  nächtliche  Bruxismus  wurde  bei  Patienten  mit psychiatrischen  oder neurologischen  Störungen beschrie- ben. Er wurde auch im Zusammenhang mit der Einnahme verschiedener Medikamente, im besonderen Neuroleptika und Antidepressiva  aus der Gruppe der 5HT-Wiederaufnahmehemmer  beobachtet [33].Der  Bruxismus  gilt  in  der  Denkweise  der  meisten ZahnärztInnen   als  abnorme  Funktion,  aufgrund  seiner schädlichen  Wirkungen  auf die Zähne und deren abstüt- zenden Strukturen,  sowie auf das Kiefergelenk,  den Nacken-Halsbereich,  die Schultern, sowie andere Körperbereiche, obwohl es keine wissenschaftlichen  Beweise dafür gibt,  den Bruxismus  als Abnormität  einzustufen.  In manchen  Arbeiten  werden  Begriffe  wie  „Ätiologie  des Bruxismus“  seit  langem  verwendet,  obwohl  Bruxismus nicht als Krankheit definiert wurde.Kürzlich  beschrieben  Lavign  et  al.  [3],  dass  die rhythmische  Kaumuskelaktivität  während  des Schlafens mit bestimmten Schlaf-bezogenen physiologischen Funk- tionen einschließlich  der autonomen Aktivierung zusam- menhängt.  Dies  wurde  auf der Basis  polysomnographi- scher Daten von 82 normalen Personen und 33 Personen mit  nächtlichem  Bruxismus  festgestellt.  Die Ergebnisse zeigen deutlich,  dass die rhythmische  Kaumuskelaktivi- tät  keine  Störung  des  nächtlichen  Schlafes  hervorruft, was verstärkt darauf hinweist, dass diese motorische Tä- tigkeit eine natürliche Aktivität im Schlaf darstellt.Es gibt nachweisbare  neuro-anatomische  Verbindungen zwischen  limbischen  (emotionalen)  Strukturen,  beispielsweise der Amygdala und dem motorischen Kern des N. trigeminus [4–6]. Interessanterweise  führt dieser Pfad durch die Formatio reticularis im Pons, eine Struktur, die in der  Erzeugung  rhythmischer  Kieferbewegungen  eine wichtige Rolle spielt [7, 8].Der Stellenwert  der Wechselwirkung  zwischen  dem limbischen und motorischen System wurde auch in elek- trophysiologischen  Experimenten festgestellt: die elektri- sche Stimulation der limbischen Amygdala, des lateralen Hypothalamus,  des Motorkortex  oder des Hirnstammbereiches erzeugt eine rhythmische  Bewegung  des Kiefers [7, 9–14]. In seiner Übersicht bestätigte Lavign, dass die Aktivierung  der  phasischen  Kieferbewegung,  beispielsweise die RMMA (rhythmische  mastikatorische  Muskelaktivität), wahrscheinlich  eine normale motorische Aktivierung darstellt, die von Wechselwirkungen  des motorischen,  limbischen  und autonomen  Systems  abhängt.  Er erstellte außerdem ein hypothetisches  Modell eines Bruxismusgenerators.Es gibt also keine wissenschaftlichen  Beweise dafür, dass der Bruxismus  eine Krankheit oder abnorme Funktion  darstellt,  wenngleich  manche  Zustände,  die  durch den  Bruxismus  hervorgerufen  werden,  unphysiologisch erscheinen.  Zum  gegenwärtigen  Zeitpunkt  erscheint  es daher  aus zahnärztlicher  Sicht  sinnvoll,  den Bruxismus nicht als abnorme  Funktion,  sondern als natürliche  physiologische Funktion des Kauorgans anzusehen.Untersuchungen  an Patienten  der Universitätsklinik in  Wien  ergaben  deutliche  Zusammenhänge   zwischen Persönlichkeitsstruktur  und der Tendenz zum chronischen Pressen  und Knirschen.  Bei allen Patienten  waren nach einem Befindlichkeitstest und eingehender klinischer Untersuchung,  die Gegebenheiten  einer Befindlichkeitsstörung objektivierbar.Die  Persönlichkeitsstrukturen  der  Patienten  waren signifikant  unterschiedlich  zu Eichstichproben  im generellen Aggressionsverhalten.  Dieses war sowohl spontan, aber  auch  reaktiv  deutlich  niedriger  als  die  einer  vergleichbaren Bevölkerungsstruktur. 

Ist Bruxismus behandelbar?

Das exzessive Knirschen der Zähne ist die am weitesten verbreitete  und destruktivste  okklusale  Tätigkeit.  Schätzungsweise  sind mehr als siebzig  Prozent  der Bevölkerung vom Bruxismus oder Zähneknirschen betroffen. Was kann man für Presser und Knirscher tun? Eine der wichtigsten  Methoden  zur Vorbeugung  des exzessiven  Knirschens besteht darin, die Menschen über diesen Zustand und  dessen  möglichen  Folgen  zu  informieren  [15].  Im Besonderen gilt es, die Menschen über den unbewussten psychischen Stress  zu informieren  und  dahingehend  zu beraten, wie sie den psychischen Stress selbst behandeln bzw.  beseitigen  können. Kognitives  Biofeedbacktraining  ist dabei indiziert. Diese Art der Aufklärung reduziert den Bruxismus bei Tag. Das Knirschen der Zähne im Schlaf ist  jedoch  nach  wie  vor  ein  Problem.  Mit  Okklusionsschienen können die durch den Bruxismus hervorgerufenen  Schäden  reduziert  bzw.  beseitigt  werden  [16,  17]. Dies stellt jedoch keine dauerhafte Lösung des Problems dar.In den letzten  Jahren  zeigten  sich manche  Medikamente  als  wirksam  gegen  den  Bruxismus.  Der  Einsatz von  Medikationen   wie  Serotonin-selektive   Wiederaufnahmehemmer  [18], Antidepressiva  [19, 20], mit Dopamin zusammenhängende  Neuroleptika [22, 21] sowie Botulinustoxin als ein Acetylcholinfreisetzungshemmer [22,23]. Gegen eine medikamentöse  Dauertherapie  bestehen aber seriöse medizinische  Bedenken.

Physiologische Bedeutung der Knirschfunktion-Zustände wie psychischer  Stress oder emotionale  Spannungen  einschließlich  Aggression,  Wut,  Antagonismus, Unruhe und Angst wurden in zahlreichen,  mit dem Bruxismus befassten Arbeiten beschrieben [24–27]. Die Aggression gilt als psychischer Hintergrund für den Bruxismus.  Olkinuora  [28]  machte  eine  Unterscheidung  zwischen  Knirschern  mit  psychischer  Belastung  und  einer Gruppe ohne psychische Belastung. Die psychisch belasteten Knirscher setzten ihre Aggression häufiger frei, waren ängstlicher und angespannter.Das  aggressive  Beißen  verhindert  den Anstieg  des Noradrenalinumsatzes   im  Gehirn  durch  den  Einschränkungsstress  im Liegen [29–33].  (Im Rattenversuch  werden diese rücklings an ein Brett gefesselt). Das Ermöglichen des Beißens im Rahmen der Stressexposition bei Ratten zeigt eine signifikante Reduktion der stressinduzierten Anstiege des Noradrenalin (NA)-Umsatzes im Gehirn [34, 35]. Die Ergebnisse liefern eine mögliche neurochemische Basis für eine klinische Studie zu der These, dass die  Unterdrückung  von  Wut  in einer  Stresssituation  zu psychopathologischen  Folgen bei Menschen führt. In körperlicher Fesselung gehaltene Ratten zeigten eine deutliche Erhöhung des MHPG-SO4-  bzw. NA- Metabolitspiegels  in den meisten Regionen des Gehirnes, im besonderen  dem Hypothalamus  [31], der Amygdala, dem Hippocampus, und sie zeigten erhöhte Kortikosteron Werte im Plasma sowie deutlich nachweisliche Magengeschwüre [36, 37]. Tiere, die in Paaren (im Gegensatz zu einzeln) elektrischen  Schocks  ausgesetzt  wurden, zeigen  eine  stark  reduzierte  physiologische  Reaktion  auf Schock aufgrund der dadurch gegebenen Möglichkeit des Aufbaues aggressiven Verhaltens, des Kämpfens und des Beißens. Tiere, die in einer Kammer gehalten und in Paaren Schocks ausgesetzt werden, neigen zu Kämpfen und zeigen einen geringeren Anstieg des Plasma-ACTH, während  einzeln  Schockexponierte   Tiere  erhöhte  Plasma-ACTH und Kortikosteronwerte  aufweisen [38]. In jenem  Experiment,  in dem der Stress  bei Tieren mit und ohne (der) die Möglichkeit zu beißen verglichen wurde,  waren  die  Stress-induzierten  Anstiege  der  NA- Freisetzung  in  der  nicht-beißenden   Gruppe  signifikant höher als jene in der beißenden Gruppe [34]. Viele  schwere  Magengeschwüre   mit  Blutung  nach kurzer Zeit wurden in der nicht-beißenden  Gruppe festgestellt.  Diese  Ergebnisse  weisen  verstärkt  darauf  hin, dass das aggressive  Beiß-Verhalten  während  der Stressexposition  nicht nur Stress-induzierte  Anstiege  der NA-Freisetzung in der Amygdala der Ratte, sondern auch die Bildung Stress-induzierter  Magengeschwüre  reduziert. Die grundlegenden  Reflexe des Kieferschlusses  und des Kieferöffnens  werden durch Interneurone auf absteigenden Pfaden aus dem zerebralen  Kortex zu den trigeminalen Motoneuronen  beeinflusst.  Die Hypothese,  dass orale  Bewegungen einen  kortikalen  Ursprung  haben, weist  auf einen  „Rhythmusgenerator“  hin,  der mit verschiedenen  oralen Reflexen in Wechselwirkung  tritt und der  entweder  durch  Tätigkeit  in  höheren  Zentren  oder durch sensorische Reize im Mund ein- bzw. ausgeschaltet werden kann [14, 39]. Die Rolle des Dopamins in der Wechselbeziehung zwischen emotionalem  Verhalten und oralen Reflexen ist von besonderen Interesse, denn Dopamin ist am dichtesten im Striatum und in der Substantia nigra  vorhanden,  wobei  diese  Einheiten  einen  Teil  des extrapyramidalen Systems bilden [40]. Das System integriert und verfeinert  die motorische  Tätigkeit.  Die Funktion des Dopamins in diesem System kann von grundlegender Bedeutung für die intensive motorische Tätigkeit bei der Aggression,  einschließlich Kaubewegungen  sein. Alle diese Daten weisen darauf hin, dass das aggressive Verhalten,  bei dem  das Kauorgan  emotionale  Spannungen  freisetzt,  eine  äquivalente  Rolle  im  psychosomatischen System spielt wie das Pressen und  Knirschen  der Zähne im Schlaf.

Bruxismus als Funktion der Stressbewältigung: Von  phylogenetischem   Interesse  ist  die  Tatsache,  dass viele Tierspezies ihre Zähne knirschen und fletschen – als Teil  ihrer Reaktion  auf eine bedrohliche  oder Stress-erzeugende Situation. In der Evolution haben Tiere seit langem das  Kauorgan  als Werkzeug  der Verteidigung,  aber auch der Aggression  oder emotionales  Ventil verwendet – und weniger als Werkzeug zum Kauen der Nahrung. Es besteht die These, dass der moderne Mensch auch heute das Kauorgan als Stressventil verwendet, wenn er psychischer  Belastung  ausgesetzt  ist. Es wird  weitgehend  akzeptiert,  dass  psychischer  Stress  und  okklusale  Disharmonie mit dem Schweregrad  des Bruxismus  zusammenhängen  [41,  42].  Aus  psychosomatischer  Sicht  werden ungelöste psychische  Probleme auf die Organebene  verlagert.  Eine solche  Organebene,  nämlich  das Kauorgan, ist äußerst kompetent und nahezu risikofrei [43].Aus  neurochemischer  Sicht  wird  das  Kämpfen  als Äquivalent der Kaumuskelaktivität  angesehen, sodass der nächtliche Bruxismus als Form der Aggression zu werten ist.  Während  der  menschlichen   Evolution  entwickelte sich  das  emotionale  Verhalten  aus  selbst-schützendem  Egoismus  zum  Altruismus,  wobei  eine  arterhaltende Komponente bzw. ein soziales Verhalten  zum Vorschein kam.  Es wird  davon  ausgegangen,  dass die Funktionen des Pressens und Knirschens unter Einsatz des Kauorgans einen Ausdruck der Aggression  darstellen und als Waffe für  die  Expression  von  Emotionen  verwendet  wurden. Slavicek stellte fest, dass das Pressen und Knirschen normale  Funktionen  des Kauorgans  sind und dass es angebracht wäre, diese Funktion als Stressbewältigung zu verstehen [43].Obwohl die Funktionen des Pressens und Knirschens von Zahnärzten nicht wohlwollend beurteilt werden, weil sie den Zähnen, dem Gewebe des Zahnhalteapparates und anderen Strukturen schaden können, muss man das Kauorgan als  Notausgang  im Falle psychischer  Überlastung sehen. Daher sind die Okklusion  bzw. ihre Qualität und defensive  Fähigkeit bei der Stressbewältigung  ein wichtiger Bestandteil  dieses Organs. Das grundlegende  Konzept der Okklusion sollte es also sein, die defensive Fähigkeit des Kauorgans  für diese lebenserhaltende  Funktion zu erhalten oder zu verbessern [44–46].

Wie man die Bruxismustätigkeit reduziert – die Bedeutung des OkklusionskonzeptesObwohl Bruxismus als normales orofaziales motorisches Verhalten gilt, wird in der Regel eine Beschädigung  der Zähne festgestellt. Das am häufigsten beschriebene klinische Zeichen  des akuten  und auch chronischen  Bruxismus  ist  der  abnorme  Verschleiß  der  Zähne  durch  den Druck des ständigen Knirschens und Pressens. Das Ausmaß des Schadens durch Abrasion hängt von der Intensität, Häufigkeit,  Richtung,  Dauer und Art (ob Knirschen oder Pressen) der Bruxismustätigkeit  und von individuellen Unterschieden im Widerstand zusammen. Des Weiteren kann der Bruxismus auch destruktiv wirken, indem er eine eher laterale als vertikale Belastung der Zähne hervorruft [47, 48].Während  einige  Forscher  den  Bruxismus  mit  dem Fach Zahnheilkunde verbinden, ist der Bruxismus keineswegs  eine  rezente  Zivilisationserscheinung;  er  wurde auch im weit zurückliegenden  Zeitalter  beobachtet.  Unter dem  Begriff  Bruxismus  versteht  man den statischen oder  dynamischen  Kontakt  oder  Okklusion  der  Zähne, der über jenen Kontakt hinausgeht, welcher für Funktio- nen wie Kauen oder Schlucken  notwendig  ist. Der Bru- xismus  gilt  als  parafunktionelle  Gewohnheit,  die  meistens unbewusst und spontan abläuft und in unterschiedlichen Abständen repetitiv auftreten kann. Er wird nahezu universell,  meistens  im  Schlaf,  entweder  isometrisch (Pressen) oder isotonisch (Knirschen) eingesetzt [49].Die Beziehung der Kieferbewegung  zur Okklusions- ebene bzw. zur Gelenkanatomie ist ein sehr wichtiger klinischer  Faktor,  da  die  Bewegungen   des  Unterkiefers durch  die  Form,  relative  Position  und  Anatomie  der Zähne und des Gelenkes bestimmt werden [50, 51]. Die Höcker  und  Furchen  auf  den  Okklusionsflächen   der Zähne  und die Facetten  können  ebenfalls  durch Kieferbewegung  entstehen.  Stuart  bestätigte  die Theorien  von Shaw,  indem  er die Dynamik  der Unterkieferbewegung  entzifferte. In anderen Worten sind die Okklusionsflächen der Zähne  so  konzipiert,  dass sie mit der Dynamik  der Unterkieferbewegung  harmonisch arbeiten [52].Dem Bruxismus  wurde in unserem Fachgebiet  nicht die  Wichtigkeit  beigemessen,  die  ihm  zusteht.  Obwohl sich  viele  Forscher  heutzutage  mit  dem  Bruxismus  beschäftigen, bleibt noch einiges über dieses Phänomen unbekannt. Wir sind der Meinung, dass der Bruxismus  nahezu universell vorkommt, dass er in allen Altersgruppen auftritt, und dass jeder Mensch zu irgendeinem Zeitpunkt Bruxismus in der einen oder anderen Form, in verschiedener Intensität und Häufigkeit erlebt, erlebt hat oder erleben kann.Die okklusale Kontrolle der anterioren Zähne, besonders der Eckzähne, ist als Schutzfunktion der Hinterzähne während  jeglicher  exzentrischer   Knirschbewegung   zu verstehen.  Sind sie ordnungsgemäß  gekoppelt,  unterliegen sämtliche Bruxismuskräfte  der Zuständigkeit der anterioren  Zähne bzw. jegliche  Friktion  wird zu ihrer Belastung.  Dem  Ausmaß  dieser  Friktion  können  Grenzen gesetzt  werden.  Ihre Integrität  wird durch das Erstellen eines Disokklusionswinkels,  der eine Harmonie zwischen der okklusalen  Führung  und dem kondylären  Vorsprung bewirkt,  gewährleistet.  Eine Steigerung  des Winkels um 15 Grad würde beim Patienten diverse Beschwerden bzw. labiale Bewegungen  der oberen anterioren  Führung hervorrufen. Die posteriore Disokklusion  durch die anterioren Zähne reduziert in signifikantem Ausmaß die elektrische Aktivität des mächtigen Masseters und der Muskulatur des M. Pterygoideus  medialis [53–58].Wenn  immer  die  Menschen  versuchen,  mit  ihren Zähnen  zu  knirschen,  besonders  im  Schlaf,  stellen  die fehlende  posteriore  Disokklusion  zur Reduktion  der exzessiven  Muskelaktivität  bzw.  sowie  eine  extrem  steile Überlappung,  die in einen zu steilen Disokklusionswinkel  resultiert,  die  größte  Bedrohung  für  die anterioren Zähne  dar.  Bei  einer  Knirschbewegung  ermöglicht  der extrem  steile Winkel  mehr  Friktion  und generiert  mehr Muskeltätigkeit  mit  daraus  resultierender  Abrasion  der beteiligten Flächen [52]. Daher müssen wir bei der Wiederherstellung  der Okklusion  des Patienten  den  Regeln der Natur folgen; diese schreiben  eine sequentielle  Veränderung der Neigung der okklusalen  Führung von posterior nach anterior vor.

Schlussfolgerungen: Basierend  auf  dem  Konzept  der  medizinisch  wichtigen Stressbewältigung   des  Kauorgans  sollte  das  Behandlungsziel der Okklusion folgende Aspekte mitberücksichtigen:  Reduktion  des  psychischen  Stress,  Bewusstmachung der Ursachen des Stresses zur Reduktion der parafunktionellen  Tätigkeiten  des  Unterkiefers sowie  die Kontrolle neuromuskulärer Gewohnheitsmuster.  Die dentale  Okklusion  könnte  man  als  statische,  geschlossene Kontaktposition der oberen und unteren Zahnreihen definieren. Die Zahnmorphologie  und ihre Beziehung zur exkursiven  Unterkieferbewegung   wurden  extensiv  untersucht. Die parafunktionelle  Rolle der Zähne ist eine der wichtigsten Funktionen, da sie zur Disokklusion der posterioren Zähne führen kann. Dabei werden der Stress, der deflektive Kontakt, das mit Funktionsstörungen  des kraniomandibulären  Systems  einhergehende  Trauma  sowie die myofasziale  Schmerzfunktion  reduziert;  gleichzeitig werden die Zähne vor übermäßiger biomechanischer  Belastung geschützt. Gleichzeitig  aber ist die unbewusste  kauorganbezogene  psychische  Entlastung  aus  gesamtmedizinischer  Sicht von hoher Bedeutung. Stress im Kindesalter, Stress im Berufsleben, aber auch Frust und Alterstress kann über das Kauorgan erfolgreich abgebaut werden.
Kiefergelenk – Okklusion – Muskel Das Kauorgan und die Stressbewältigung. Das Kauorgan dient als Notausgang im Falle der psychischen Überlastung. In weiterer Folge werden das Kiefergelenk, die Okklusion und die Muskel durch die Bruxismustätigkeit stark belastet. Daher sind die Okklusion bzw. ihre defensive Fähigkeit bei der Stressbewältigung ein wichtiger Bestandteil dieses Organs.
Kontrolle der Stressbewältigung bei der Wiederherstellung der Okklusion: Die Eckzähne sind jene Zähne, die durch biomechanische Kräfte des Bruxismus in erster Linie belastet werden. Die Neigung der Eckzähne und die posteriore Führung des Kiefergelenkes im Rahmen der Unterkieferbewegung müssen miteinander harmonieren. Eine steile Eckzahnneigung der lingualen Fläche gilt es zu vermeiden. Wenn immer eine starke Knirschbewegung stattfindet, sollte sich der Unterkiefer ohne Rotation der Kondylen bewegen.